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Welt-Nichtrauchertag

Welt-Nichtrauchertag 2000

WHO sagt Tabakindustrie den Kampf an

Eine weltweite Kampagne der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Antwort auf steigende Sterbeziffern durch Rauchen:

"Tobacco kills – don’t be duped" (Rauchen tötet – lass Dich nicht für dumm verkaufen) ist das Motto des diesjährigen und von der Weltgesundheitsorganisation initiierten Welt-Nichtrauchertages, dem 31. Mai 2000. Aus diesem Grunde werden die Behauptungen der Tabakindustrie zum Thema "Rauchen" bzw. "Passivrauchen" veröffentlicht und widerlegt. "Die Tabakindustrie hat der öffentlichen Gesundheit den Krieg erklärt, denn eine Zigarette ist das einzige Konsumgut, das tötet, wenn es bestimmungsgemäß verwendet wird" begründet die WHO ihre diesjährige Kampagne "Bob I’ve got cancer" (Bob, Ich hab‘ Krebs).

Rauchen macht abhängig! Die Tabakindustrie hat Wissenschaft, öffentliche Gesundheit und Politik unterwandert, um ihre Produkte, die Konsumenten abhängig machen, ohne nennenswerte Einschränkungen überall anbieten zu können, heißt es in der jüngsten Stellungnahme der WHO 1. In Deutschland dürfen beispielsweise Zigaretten ohne jede Altersbeschränkung auch an Kinder und Jugendliche abgegeben werden 2. Somit locken bundesweit über 826.000 Zigarettenautomaten, davon die Hälfte im Außenbereich, insbesondere die ganz junge "Kundschaft" an.

Im Pennsylvania-Tobacco-Survey aus dem Jahre 1993 mit über 60.000 befragten Jugendlichen im Alter von 12-18 Jahren wurde festgestellt, dass die ersten Zigaretten zum Einstieg von Jugendlichen der Altersgruppe der 12-13jährigen überwiegend an Zigarettenautomaten erworben werden.13jährige bedienen sich 11 Mal häufiger an Zigarettenautomaten als 17jährige, die hingegen Tankstellen und Kioske bevorzugen. 3

Auch in Deutschland liegt das Einstiegsalter bei Kindern und Jugendlichen laut der von der Universität Bielefeld 1998 durchgeführten WHO-Health-Behavior-Studie bei 12,5 Jahren. Rund 13 % der 13-jährigen rauchen regelmäßig. Bei den 15-jährigen ist es bereits mehr als ein Viertel. Das Suchtverhalten beginnt somit im Jugendalter. 4

Die WHO: "Tabakindustrie lügt ..."

1. Die Tabakwirtschaft behauptet, dass Kinder und Jugendliche nicht zu ihrer Zielgruppe gehören würden.

"Die Tabakunternehmen geben 6 Milliarden US $ jährlich aus, um Jugendliche zum Rauchen anzuregen. Sie suggerieren, dass Raucher sexy, attraktiv, erfolgreich, macho, cool und hip sind. In allen Medien verbreiten sie dieses Image – angefangen von einfachen Filmen über Magazine und sogar Comic-Figuren," so der frühere "Winston"-Mann Allan Landers.

Die Forschung zeigt, dass die Entscheidung zu rauchen von der Tabakwerbung beeinflusst ist. Tabakwerbung mit Prominenten aus Sport und Unterhaltung verbreitet ein Raucher-Image, das Glamour, Luxus, Spaß, Gesundheit, Eleganz und Reichtum verspricht. In Ländern, in denen das Tabakwerbeverbot zu greifen beginnt, werden subtilere Formen der Produkt-Platzierung in Filmen und Musikvideos eingesetzt, um die jungen Leute zu erreichen. 5

"Im übrigen hat die deutsche Cigarettenindustrie noch nie heranwachsende Menschen zum Rauchen veranlassen wollen. Daher hat sie die Werbung gegenüber Jugendlichen bereits 1966 vorsorglich vertraglich unterbunden." 6

Tatsache aber ist, dass 1999 in einer in Berlin-Hohenschönhausen durchgeführten Studie zur Tabakwerbung rund um Schulen und Jugendzentren festgestellt wurde, dass die Selbstverzichtserklärungen der Tabakwirtschaft, in der unmittelbaren Nähe von Schulen und Jugendzentren nicht mehr für Tabakwaren zu werben, permanent verletzt werden. Ein Schiedsgericht hat kürzlich die Tabakwirtschaft aufgrund dieses Verstoßes zur Zahlung von 50.000 DM an den Kinderschutzbund aufgefordert. 7

Die Selbstverzichtserklärung vom 1. Mai 1997 ist ein "deutliches Zeichen dafür, das unsere Unternehmen nicht daran interessiert sind, an Jugendliche Zigaretten zu verkaufen." 8

Aber:

"Die Brüsseler Beamten (hätten) (...) einen Gesetzentwurf vorbereitet, der unter anderem ein Abgabeverbot von unter 16jährigen (...) vorsieht (...). In einem Brandbrief habe der BDTA daraufhin der Kommission verdeutlicht, welche existenzbedrohenden Folgen diese Pläne für den Automaten aufstellenden Tabakwarengroßhandel in Deutschland haben würde. In Kürze wird der BDTA Gespräche mit Vertretern der Bundesregierung führen, um seine Positionen darzulegen." 9

2. Die Tabakindustrie leugnet den Zusammenhang zwischen Rauchen und erhöhten Gesundheitsrisiken:

"Eine amtliche oder wissenschaftlich akzeptable Statistik über die gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens existieren weder in der Bundesrepublik noch in anderen Ländern. Eine derartige Statistik kann auch gar nicht erstellt werden, weil die Zivilisationskrankheiten grundsätzlich nicht auf eine einzelne Ursache, sondern auf eine Vielzahl von Risikofaktoren zurückzuführen sind." 10

Die epidemiologischen Daten sprechen eine deutliche Sprache: Raucher leben durchschnittlich 8 Jahre weniger als Nichtraucher; das Risiko, durch regelmäßiges Passivrauchen einen Herzinfarkt zu erleiden, steigt um 60 Prozent, und in Deutschland sterben rund 110.000 Menschen jährlich an den Folgen des Rauchens. Diese Daten werden auch von der Rechtsprechung nicht mehr angezweifelt, denn:

"Rauchen tötet in Deutschland mehr Menschen als Verkehrsunfälle, Aids, Alkohol, illegale Drogen, Morde und Selbstmorde zusammen" 11

Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation belegen, dass an raucherbedingten Krankheiten in diesem Jahr weltweit vier Millionen Menschen sterben. Ab dem Jahr 2020 wird diese Rate von vermeidbaren Todesfällen auf zehn Millionen Tote pro Jahr angestiegen sein. Die Tabakindustrie und ihre Marketing-Strategen brauchen demnach täglich ungefähr 11.000 neue Raucher, um die zu ersetzen, die am Rauchen sterben. Auf die in Deutschland gültigen Daten bezogen müßte die Tabakwirtschaft täglich 300 Kinder und Jugendliche als neue Raucher gewinnen, um diese Konsumentenlücke wieder zu füllen. Deshalb gehören Kinder und Jugendliche zur primären Zielgruppe der Tabakwerbung.

3. Vorrangiges Ziel der Tabakindustrie ist, zu suggerieren, dass Rauchen eine individuelle Verhaltensentscheidung und Passivrauchen keine Gefährdung von Nichtrauchern darstellt.

Die Irreführung besteht darin, dass die süchtigmachende Wirkung völlig unberücksichtigt bleibt, obwohl zahlreiche Raucher mit dem Rauchen gerne aufhören möchten.

"In Übereinstimmung mit dem Stand der Wissenschaft sind wir daher der Ansicht, dass die Forderung nach Rauchverboten per Gesetz nicht mit einer Gesundheitsgefährdung durch Passivrauchen begründet werden kann. Wir meinen, dass dadurch kein gesundheitlicher Gewinn für die Bevölkerung zu erzielen ist, wohl aber ein Verlust an Freiheit, Verständigungsbereitschaft und der Fähigkeit zu mitmenschlicher Rücksichtnahme und Toleranz. Wenn es darum geht, diese Bürgertugenden zu stärken, können Sie auf die deutsche Tabakwirtschaft zählen." 12

Seit 1998 wird auch in Deutschland Passivrauchen aufgrund seines Beitrages zum Krebsrisiko in die gleiche Gefährdungskategorie wie das Einatmen von Asbestfasern und Benzoldämpfen eingeordnet - so das Urteil der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe. Dabei muß die Gesundheitsgefährdung durch Passivrauchen um etwa das Hundertfache höher angesehen werden als beispielsweise eine Asbestbelastung in Innenräumen.

Die Mehrheit der Bevölkerung will nicht länger leicht vermeidbare Gesundheitsschädigungen hinnehmen: Rund 70 Prozent der Deutschen befürworten daher ein Rauchverbot am Arbeitsplatz, in öffentlichen Gebäuden wird ein Rauchverbot sogar von 84 Prozent begrüßt und in Gaststätten würde eine Aufteilung in Raucher- und Nichtraucherzonen von 86 Prozent unterstützt. 13

4. Die Tabakwirtschaft behauptet, dass Rauchen nicht süchtig macht.

Erstaunlich, aber wahr: die Tabakwirtschaft leugnet entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis die süchtigmachende Wirkung ihrer Produkte:

"80 bis 90 Prozent der Raucher schaffen es – auch wenn sie vorher täglich hohe Tabakmengen konsumiert haben -, von einem auf den anderen Tag ohne fremde Hilfe dauerhaft auf das Rauchen zu verzichten. Die "Sucht"-Hypothese des Rauchens ist nicht nur falsch, sondern in vielfacher Sicht gesellschaftsschädlich; nicht zuletzt führt die unangemessene Dramatisierung des Verhaltens eines Drittels der Erwachsenen zur Verharmlosung der illegalen Drogen." 14

Nikotin durch Tabak aufgenommen macht hochgradig abhängig. Der Anteil der Nikotinabhängigen durch Rauchen beträgt in Deutschland unter Zugrundelegung des Fagerström-Testes 70 bis 80 % der Raucher. 15 In absoluten Zahlen muß von 17,5 bis 20 Millionen abhängigen Rauchern im Bundesgebiet ausgegangen werden. 16

Die WHO spricht inzwischen von einem "Krieg der Tabakindustrie gegen die öffentliche Gesundheit". Dieser Krieg würde mit allen Mitteln geführt, mit Lügen und mit Täuschungen, wie beispielsweise von führenden Generaldirektoren der amerikanischen Zigarettenkonzerne Phillip Morris, J. R. Reynolds und Brown & Williamson, die vor dem Gesundheits- und Umweltausschuß des amerikanischen Kongresses 1994 bestritten, daß Nikotin süchtig macht. Durch die Veröffentlichung von Geheimdokumenten konnte aber dargelegt werden, dass die Tabakwirtschaft bereits 1963 die süchtigmachende Wirkung von Zigaretten kannte und nutzte. 17

Deshalb sind auf dem Poster der WHO zum diesjährigen Welt-Nichtrauchertag zwei Cowboys abgebildet, diesmal mit der nüchteren Erkenntnis: "Bob, ich habe Krebs" - eine Tatsache, die in der Zigaretten-Werbung verschwiegen wird.

Die Koalition gegen das Rauchen, ein Aktionsbündnis von über 80 namhaften Gesundheitsorganisationen, fordert anläßlich des Welt-Nichtrauchertages die Mitglieder des Deutschen Bundestages auf, dass der Einstieg in die Droge "Tabak" verhindert und der Ausstieg für die Abhängigen erleichtert wird. Vor diesem Hintergrund begrüßt die Koalition gegen das Rauchen die neue Nichtraucherschutz-Gesetzesinitiative der interfraktionellen parlamentarischen Arbeitsgruppe außerordentlich und unterstützt ausdrücklich das derzeit in Deutschland laufende und vom Bundesgesundheitsministerium finanzierte WHO-Partnerschaftsprojekt gegen "Tabakabhängigkeit" sowie das "Rauchertelefon" beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und das "Suchttelefon" der BZgA in Köln.

Gleichzeitig betont das Aktionsbündnis die Notwendigkeit einer Regulierung bei der Abgabe von Tabakwaren. Die Mißachtung der öffentlichen Gesundheit wird dort offensichtlich, wo Zigarettenautomaten in Wohngebieten, in der Nähe von Spielplätzen sowie um Schulen und Jugendzentren gezielt Kinder und Jugendliche zum "Probieren" verführen. Die rasche süchtigmachende Wirkung von Tabakwaren wird dabei sehr unterschätzt. Nur 2 Prozent der abhängigen Raucher gelingt auf Anhieb der Ausstieg aus der Sucht aus eigener Kraft und ohne fremde Hilfe. In der Regel gehen 8 bis 10 erfolglose Aufhörversuche voraus, die sich über einen sehr langen Zeitraum hinstrecken.

Koalition gegen das Rauchen
c/o Bundesvereinigung für Gesundheit e.V.
Heilsbachstraße 30
53123 Bonn
Tel. 0228/ 987 27 17
Fax. 0228/ 642 00 24
http://www.weltnichtrauchertag.de

1 Deutschsprachige Übersetzung unter www.weltnichtrauchertag.de
2 § 9 Gesetz zum Schutze der Jugendlichen in der Öffentlichkeit (JÖSchG); für Alkohol gibt es laut §4 JÖSchG Abgabeverbote für Jugendliche bis 16 und sogar bis 18 Jahren (Branntwein).
3 Tobacco Control 4, 1995, S.295
4 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik 1997
5 Institut für Therapieforschung (i.A. des BM für Gesundheit), Werbung und Tabakkonsum, Kiel 1998
6 Antworten der Cigarettenindustrie auf aktuelle Fragen zum Rauchen, VdC Januar 1986
7 Leit- und Planstelle Gesundheit Bezirksamt Berlin-Hohenschönhausen, Zigarettenwerbung um Schulen, 1999
8 Schreiben des BDTA-Geschäftsführers Peter Lind an Roland Sauer, MdB, v. 10.10.1997
9 Die Tabak-Zeitung vom 12.11.1999 – Bericht über BDTA-Unternehmertagung
10 Philipp Morris, Tabak und Mensch, Mai 1988
11 Bundesverfassungsgericht in einer Urteilsbegründung zur Etikettierungspflicht von Tabakwaren am 22.1.1997
12 Brief des Verbandes der Deutschen Tabakwirtschaft (BDT, BDTA, BTWE, BdZ, VdC, VdR) vom 7. März 1994 an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages. (Unterzeichner des Schreibens: Dr. König und Axel Heim)
13 Bundesministeriums für Gesundheit, Repräsentativerhebung Drogen, 1997
14 Brief des Verbandes der Deutschen Tabakwirtschaft (BDT, BDTA, BTWE, BdZ, VdC, VdR) vom 7. März 1994 an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages. (Unterzeichner des Schreibens: Dr. König und Axel Heim)
15 Batra, Fagerström; Neue Aspekte der Nikotinabhängigkeit und Raucherentwöhnung, in: Sucht 43 (4) 1997, S.277ff
16 Dieser Zahlenwert errechnet sich bei Zugrundelegung von Daten des Statistischen Bundesamtes. Der Anteil der über 13jährigen Raucher liegt demnach bei 25 Millionen Einwohnern (1996: 26,7%).
17 Einen spannenden Überblick über die Hintergründe dieser Geheimdokumente bietet der derzeitig in den Kinos laufende Film "Insider" mit Al Pacino in der Hauptrolle.